Ninotschka (1939)

ninotschka

„Wie ist die Stimmung in Moskau?“ – „Vorzüglich. Die letzten Massenhinrichtungen waren ein großer Erfolg. Es gibt wieder weniger, aber bessere Russen.“

Eine Aussage, die wie ein Hieb in die Magengrube daher kommt. Eine Aussage, die man so niemals in einer Liebeskomödie erwartet hätte. Eine Aussage, die herrlich sachlich-nüchtern von „der Göttlichen“ Greta Garbo vorgetragen wird und nach ihrer Charakterentwicklung als Ninotschka noch absurder wirkt als zuvor.

ninotschka2Im Jahr 1939, nur wenige Monate vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, inszenierte Ernst Lubitsch das Aufeinandertreffen zweier Ideologien in Form der Liebeskomödie Ninotschka. Es trifft das „Savoir-vivre“ des kapitalistischen Frankreichs in Person von Graf Léon D’Algout (Melvyn Douglas) auf die unterkühlte und sachliche Systemtreue der kommunistischen Sowjetunion in Person von Genossin Ninotschka Yakushova (Greta Garbo). Wie sich dieses Aufeinandertreffen letzten Endes gestaltet und welche Ideologie als „Sieger“ aus diesem kleinen „Wettkampf“ hervorgeht, dürfte aufgrund des Genres und des Produktionslandes nur schwerlich zu erraten sein. Und dennoch gelingt es Lubitsch, die Liebesgeschichte nicht zu seicht werden zu lassen und zugleich werden überraschenderweise auch ein paar augenzwinkernde Seitenhiebe gegen den Kapitalismus gesetzt.

“Garbo laughs“

ninotschka lacht Da die Popularität der Garbo in den USA immer weiter zu schwinden drohte, sah sich MGM dazu gezwungen, dem Aushängeschild Garbo ein neues Image zu verschaffen. Zuvor überwiegend in tragischen Rollen agierend, sollte Greta Garbo nun mit Ninotschka ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellen. In Anlehnung an den damaligen Slogan “Garbo talks“, mit dem ihr erster Tonfilm Anna Christie beworben wurde, versuchte man mit der „Sensation“ – einer lachenden Greta Garbo – zu kokettieren und die Zuschauer zu locken.

Das Publikum nahm diesen Slogan dankbar auf, Ninotschka wurde zum Erfolg an den Kinokassen und auch aus Kritikerreihen überwiegend mit positiven Rezensionen bedacht. Dies lag jedoch nicht nur an der hervorragend agierenden Hauptdarstellerin, die auch zu Beginn in ihrer Rolle als sowjetische Sonderbeauftragte ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellt. Herrliche Dialoge (unter anderem aus der Feder des damals noch weitgehend unbekannten Billy Wilder), die pointierte Charakterzeichnung sämtlicher – bis in die letzte Nebenrolle stark agierenden – Charaktere und die erstklassige Inszenierung Ernst Lubitschs machen Ninotschka zu einem ganz besonderen Filmerlebnis. Die Szenen, in denen Greta Garbo in der ersten Hälfte des Films stoisch ihre kommunistischen Ansichten vorträgt und so ihrer Figur bewusst eine unfreiwillige Komik bei der ersten Konfrontation mit der „westlichen Welt“ verleiht, erinnern in vielerlei Hinsicht an das komödiantische Talent eines Buster Keaton. Melvyn Douglas kauft man in seinem Werben um die unnahbar erscheinende Ninotschka und in seinem gesamten Gebaren die Rolle des französischen Lebemanns Leon jederzeit ab und die drei Genossen Buljanoff (Felix Bressart), Iranoff (Sig Ruman) und Kopalski (Alexander Granach) sind von der ersten Minute an urkomisch und damit das Sahnehäubchen auf einem tollen Cast.

ninotschka-51759In gewisser Hinsicht kann man die Entwicklung der Genossin Ninotschka von der sachlich-nüchternen Kommunistin („Ninotschka, mögen Sie mich ein bisschen gern?“ – „Grundsätzlich habe ich gegen Ihr Äußeres nichts einzuwenden.“ – „Ninotschka, sagen Sie mir, ist es denkbar, dass ich mich verliebt habe in Sie?“ – „Sie führen ganz falsche Werte ein. Liebe ist eine romantische Umschreibung für einen ganz gewöhnlichen biologischen, oder sagen wir, chemischen Vorgang.“) hin zur fröhlichen und gelassenen Ninotschka, die sich letzten Endes nicht dem Charme Leons und den Vorzügen des Kapitalismus entziehen kann („In Ordnung, wenn Du nicht bei mir bleibst, dann werde ich weiter kämpfen. Ich entvölkere Russland! Genossin – Du hast einmal Dein Land gerettet, indem Du zurückgefahren bist. Diesmal musst Du hier bleiben, um es zu retten!“ – „Na, wenn ich also wählen darf zwischen meinen eigenen Interessen und dem Glück meines Landes – wie könnte ich da schwanken. Niemand soll sagen können, Ninotschka war eine schlechte Russin!“) als Parallele zur Entwicklung der Garbo ansehen. Zuvor als tragische, verschlossene und unnahbare Person in jeglicher Hinsicht bekannt, darf der Zuschauer hier einen ersten (und leider auch letzten) Blick auf die unbekümmerte Facette der Garbo werfen. Es sollte der vorletzte Film „der Göttlichen“ sein, ehe sie sich mit Die Frau mit den zwei Gesichtern im zarten Alter von nur 36 Jahren vollständig aus dem Filmgeschäft und damit auch aus der – von ihr ohnehin nie geliebten – Öffentlichkeit zurück zog. Was blieb, war eine einzigartige Karriere und mit Ninotschka auch die Erinnerung daran, dass die Garbo lachen kann.

Historisch betrachtet könnte man vor allen Dingen in Hinblick auf die schreckliche Entwicklung der Folgejahre Ernst Lubitsch eine gewisse Weitsicht attestieren, indem man die Geschichte von Ninotschka und Léon als eine Art Parabel auf das spätere „gemeinsame“ Wirken Frankreichs und der Sowjetunion als Besatzungsmächte im Nachkriegsdeutschland goutiert. Dies wäre jedoch sicherlich zu viel der Interpretation. Ninotschka sollte in erster Linie als Liebeskomödie mit teils bissigen Kommentaren zum „Kampf“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus angesehen werden. Auch heute – 75 Jahre später – hat Ernst Lubitschs Verfilmung der Ninotschka nichts von ihrem Charme verloren: eine wunderschöne, pointiert geschriebene Liebeskomödie aus einer Zeit, in der vieles noch anders war, doch das Wesentliche genauso war, wie es heute ist…

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