Durchgehört: Element of Crime – Lieblingsfarben und Tiere

Die Emails und die Kurznachrichten kannst Du zusammen mit den Excel- und Word-Dokumenten dahin tun,
wo die Sonne auch an warmen Tagen niemals scheint und wo
auch schon die Meetings und die Skype-Kontakte ruhn‘

Denk an Lieblingsfarben und Tiere, Dosenravioli und Buch,
und einen Bildschirm mit Goldfisch, das ist für heute genug!

In den immer hektischer werdenden (oder wirkenden) Zeiten von Email, facebook, twitter, wordpress (höhö…) und Co. und dem damit verbundenen steten Wandel ist es oftmals schön auf Oasen der Beständigkeit zurück greifen zu können. Element of Crime ist eine dieser Oasen.

Es ist beachtlich, mit welcher Beharrlichkeit sich die Band um Frontmann Sven Regener den Einflüssen der medialen Umwelt verwehrt und damit dennoch (oder gerade deshalb) ihren Stammplatz in den vordersten Reihen der deutschen (Liedermacher-)Kultur verteidigt. Eine Band, die sich nicht mit jedem neuen Album dadurch definiert, dass sie sich neu definieren muss, sich keinen Innovationszwängen ausgesetzt fühlt und einfach ihr Ding durchzieht, ist in Zeiten von (durch Plattenlabels und andere externe Meinungen beeinflussten) Künstlern, die ihr originäres musikalisches Gesicht zugunsten marktwirtschaftlichen Kalküls zunehmend verlieren, die erfrischende Ausnahme. So freut es die Fans von Element of Crime ein ums andere Mal, wenn (Vorab-)Rezensionen zu neuen Alben mit dem Fazit „Alles beim Alten“ schliessen.

So ist es auch im Falle von „Lieblingsfarben und Tiere“. Element of Crime leben zu nahezu 100% durch ihren Frontmann Sven Regener. Durch seine erstklassigen Texte, seine rauchige dylaneske Stimme und sein leidenschaftliches Trompetenspiel. Diese drei Elemente haben seit jeher den Stil der Band ausgemacht  und sind auch das tragende Element von „Lieblingsfarben und Tiere“.

Das Album glänzt durch eine durchweg beruhigende musikalische Grundstimmung und hervorragende Texte, die oftmals augenzwinkernd daher kommen und die gelegentlich danach schreien, ein zweites und ein drittes Mal gehört zu werden, um aus dem Gesamtkontext die Botschaft des Songs zu extrahieren. Das kann manchmal anstregend sein, wirkt hin und wieder angestrengt, ist jedoch im Großen und Ganzen der besondere Reiz, den Songs von Element of Crime schon immer hatten.

Wenn Regener im titelgebenden Song Dosenravioli als Metapher für Normalität und „Zur-Ruhe-Kommen“ heranzieht, hat das gleichermaßen etwas absurd komisches und den Eindruck von tatsächlicher Normalität in Zeiten von 3-Minuten-Mikrowellen-Gerichten. Aus jeder hier vorgetragenen Zeile kann man die Intention Regeners heraushören, möchte man selbst auch mit einstimmen. Nicht mit ein und denselben Worten, jedoch mit der Botschaft, die hinter dem Anprangern vom immer hektischer werdenden Alltag steckt: „Lasst mir für einen Augenblick meine Ruhe! Lasst mir Freiraum zum Leben! Lasst mir  Zeit, mich auf das Wesentliche zu besinnen!“

Diese Botschaft zieht sich durch das gesamte Album wie ein roter Faden. Wenn er wie in „Rette mich (vor mir selber)“ den Zuhörer durch Passagen wie „Heimatlos und viel zu Hause, unterbeschäftigt und viel zu viel zu tun“ zum Nachdenken anregt, hat das nicht nur einen – auf den ersten Blick – pseudophilosophischen Unterton. Es bewirkt beim Publikum genau das, was er bezwecken wollte: Die ernüchternde Erkenntnis ob der zeitweilig absurd gestalteten (Frei-)Zeit, die wir hier auf Erden fristen.

Und wenn diese Erkenntnis einsetzt, ist es schön zu wissen, dass auch in diesen Zeiten die Beständigkeit Einmarsch halten kann. Mit einer Platte von Element of Crime, einer Dose Ravioli und einem Glas Rotwein kann jeder, der sich für gute deutsche Texte und ruhige Musik begeistern kann, für einige Minuten den hektischen Alltag hinter sich lassen, sich denken „Nichts ist kälter als der heiße Scheiß von gestern“ und sich fallen lassen. Und dafür gebührt Element of Crime mein tiefster Dank.

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