Durchgehört: Herbert Grönemeyer – Dauernd jetzt

Quelle/Copyright: groenemeyer.de

Wirst Du morgen noch mit mir tanzen
bleibst Du in Deiner Liebe fest
Wirst Du Dich für mich verwenden,
bestehen wir zusammen jeden Test

Herbert Grönemeyer hat es mir noch nie leicht gemacht, ihn zu mögen. Aber genauso wenig hat er es mir leicht gemacht, ihn zu hassen. Grönemeyer und kruchtenkaiser… Das ist eine Geschichte voller Missverständnisse und zugleich eine Geschichte voller Gemeinsamkeiten.

Mit seinem neuen Studio-Album „Dauernd jetzt“ begeht Grönemeyer eine Gratwanderung, einen Tanz auf der Rasierklinge, mal nahe am Genie, mal nahe am Wahnsinn. „Wirst du morgen noch mit mir tanzen“, so fragt er in „Morgen“, dem ersten Track des Albums. Und als Zuhörer ist man geneigt, sich selbst angesprochen zu fühlen. Man will vom Moment an, in dem der 58jährige dieses ruhig vorgetragene Lied zur druckvollen Hymne hochpusht, nur noch laut „Ja, ich werde morgen noch mit dir tanzen“ schreien. Zu stark ist das Kopfkino, sind die Bilder von einer dunklen Bühne, ein Mann am vom Spotlight angestrahlten Piano, der zunächst gefühlvoll, dann mit Nachdruck in die Tasten haut während vor ihm Zehntausende Arm in Arm „Morgen“ mitsingen. „Morgen“ wird mit Sicherheit einer jener Live-Momente auf den Konzerten der anstehenden Tournee sein, der mit die größten Gänsehautmomente beim Publikum (und beim Künstler selbst) verursachen wird.

Mit „Wunderbare Leere“ folgt ein weiterer Track, der in der Studio-Version gefällig daher kommt, live auf der großen Bühne und mit singfreudigem Publikum jedoch erst so richtig seine Qualitäten entfalten wird. Diese beiden starken Opener zu „Dauernd jetzt“ bedeuten jedoch für das Album Fluch und Segen zugleich. Es wird die Hoffnung geschürt, dass der gebürtige Göttinger seine zuletzt begangene musikalische Entwicklung auf einen neuen Höhepunkt gehievt und mit „Dauernd jetzt“ ein Referenzwerk für sein „spätes“ künstlerisches Schaffen hervorgebracht hat.

Die in der ersten Hälfte des Albums folgenden Titel sind allesamt von Grönemeyer-typischen Texten und Klängen geprägt, er thematisiert die immer stärker werdende Rolle der sozialen Medien („Uniform“), findet Platz für Worte zur Flüchtlingsproblematik („Roter Mond“) und zugleich findet er mit „Fang mich an“ die Muße, eine klanglich wundervolle, textlich jedoch mitunter schwache („Lieb mich wenig, dafür lieb mich lang“) Ballade zu platzieren.

Doch nur wenig später folgt der absolute Tiefpunkt des gesamten Albums. Nein, man ist sogar fast versucht, vom Tiefpunkt des Spätwerks Grönemeyers zu sprechen. Mit „Der Löw“ thematisiert Grönemeyer den WM-Erfolg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und verzettelt sich dabei in der selbst gesetzten Aufgabe, eine neue „Hymne“ für die Helden von Rio unters Volk zu bringen. „Der Sommer hat getanzt, der Sommer hat romanzt“, solche Textpassagen sind der hohen Klasse eines Songwriters wie Herbert Grönemeyer in keinster Weise würdig, das ist unterste Kreisklasse. Verschwurbelte Referenzen an Szenen der Weltmeisterschaft und die textliche Verneigung vorm Bundestrainer, „dem Löw“ zwingen den Zuhörer zu peinlich berührtem stummem Zuhören und ungläubigem Kopfschütteln.

Grönemeyer schafft es zwar, in der darauf folgenden Hälfte wieder „in die Spur“ zu finden, platziert mit „Feuerlicht“ einen weiteren Song zum Flüchtlingsthema, der textlich und musikalisch zu gefallen weiss, doch „Der Löw“ tanzt und romanzt noch immer im Hinterstübchen, umkreist von mittelmäßigen Songs wie „Ich lieb mich durch“, „Einverstanden“ und „Der Pilot“.

Mit „Unser Land“ nimmt er seinen „Auftrag“, zur gesellschaftlichen und politischen Situation in seinem Heimatland Stellung beziehen zu „müssen“, wahr, ehe er mit „Neuer Tag“ ein abschließendes Highlight und einen versöhnlichen Abschluss präsentiert.

„Dauernd jetzt“ ist als konsequente Fortsetzung der Grönemeyerschen Entwicklung ein stimmiges Album geworden, das mit einigen Highlights, etlicher Durchschnittskost und einem absoluten Tiefpunkt aufwartet. Im Gesamtkontext der Grönemeyer-Diskographie gehobenes Mittelmaß.

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