Die letzten Glühwürmchen (1988)

Die letzten GlühwürmchenIm Oktober 2005 ist mir einer jener seltenen Momente im Leben eines Cineasten widerfahren, in denen man durch puren Zufall einen seiner Lieblingsfilme kennen lernt. Es war zu einer Zeit, in der ich unerklärliche Berührungsängste zum asiatischen Kino im Allgemeinen und zum Anime-Genre im Speziellen hatte. Und nichtsdestotrotz habe ich mich auf das Abenteuer „Die letzten Glühwürmchen“ eingelassen. Es war einer der Momente in meinem Leben, in denen ich feststellte, dass man die „Furcht“ vor (dem) Fremden hinter die eigenen Ressentiments stellen muss, um sein eigenes Leben und das jener im direkten Umfeld um zahlreiche Facetten zu bereichern.

Es war ein weiterer Schritt zu meiner Erkenntnis, dass Fremdes nicht gleichbedeutend mit Schlechtem ist; es ist eine Erkenntnis, die mein Leben bis zum heutigen Tage geprägt hat und die gerade in der aktuellen „Lage der Nation(en)“ einen Grundpfeiler meiner Ideologie darstellt. Es lag mir bis dato fern, meine Filmkritiken als Medium zu nutzen, meine (gesellschafts-)politische Meinung in die Öffentlichkeit zu tragen. Doch nachdem ich wenige Stunden vor dem Verfassen dieser Zeilen aus einer Laune heraus wieder einmal (mittlerweile bestimmt zum zwanzigsten Mal) zur DVD von „Die letzten Glühwürmchen“ für meinen Heimkino-Abend gegriffen habe, ist mir bewusst geworden, dass eben jener Film, der vor 27 Jahren seine Premiere hatte und dessen Handlung mittlerweile fast auf den Tag genau 70 Jahre zurück liegt, in so vielen Ebenen aktueller ist denn je…

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Ich bin einer der vielen glücklichen Menschen in den hiesigen Gefilden, die von den Schrecken eines Krieges bislang verschont blieben. Und ich hoffe weiterhin darauf, dass mir, uns allen und allen nachfolgenden Generationen jenes Schicksal, das die meisten von uns (glücklicherweise) nicht nachvollziehen können, erspart bleibt. Wir leben in einem Luxus, den sich Generationen vor uns etliche Menschen gewünscht hätten und den auch heutzutage an viel zu vielen Orten dieser Welt viele Menschen gerne auch nur ansatzweise hätten. Wir leben (hier in „unserem“ Europa) in Zeiten des Friedens und der Freiheit und schüren nichtsdestotrotz durch vermeintlich persönliche Befindlichkeiten Hass, der uns nur dessen, das wir durch diesen Hass zu verteidigen versuchen, beraubt: des Friedens und der Freiheit.

Das japanische Anime-Meisterwerk „Die letzten Glühwürmchen“ spielt zu einer Zeit, in der diese beiden (neben Gesundheit) am erstrebenswertesten Werte der Menschheit vor allen Dingen in jenen Regionen, die „unser“ Europa darstellen, mit Füβen getreten wurden und einen für die meisten der Vorfahren unserer heutigen Generationen herbeigesehnten Luxus darstellten. Zwischen Februar und August 1945 wurde die japanische Stadt Kobe und ihr Umland fünf Mal von Bombenangriffen der US-amerikanischen Luftwaffe heimgesucht. Im auf diesen historischen Tatsachen basierenden Anime-Drama von Isao Takahata begleiten wir – entgegen aller (zumindest zu Entstehungszeiten dieses Films bestehenden) Standards des Kriegsfilms – nicht die „Täter“, sondern die „Opfer“ jener schrecklichen Szenarien, die ein Krieg mit sich bringt.

glühwürmchen2Der 14jährige Seita und seine kleine Schwester Setsuko sind die beiden bemitleidenswerten Wesen, denen wir auf ihrer Flucht vor dem Krieg und auf dem Streben nach Leben folgen dürfen. Auf die heutige Zeit reflektiert könnten Seita und Setsuko genauso gut auch Amir und Samira heißen. Nach einem Fliegerangriff der US-Luftwaffe liegen ihr Haus und das Umland in Trümmern, ihre Mutter erliegt wenig später im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Erste Zuflucht finden die beiden Kinder bei ihrer Tante, die sie jedoch nach kurzer Zeit wieder aus ihrem Haus ekelt. Seita und Setsuko ziehen sich in eine Höhle zurück, die nachts von Glühwürmchen erhellt wird. Dort fechten sie gemeinsam ihren Überlebenskampf aus, der vor allen Dingen von ihrer Liebe zueinander seine Stärke bezieht.

Hierbei erfahren sie immer wieder Rückschläge, werden zurück gewiesen, Hilfe wird verwehrt und sie müssen feststellen, dass sie auf sich allein gestellt sind. Dabei wären gerade sie, die jungen Opfer des Krieges, diejenigen, die Unterstützung durch die, die im Überfluss leben, bitter nötig hätten.

„Wir haben sogar Kimonos unserer Mutter gegen Essen eingetauscht. Aber jetzt haben wir nichts mehr. Wir haben doch schon so oft etwas bei Ihnen gekauft…“ – „Kimonos oder Geld… darum geht es hier doch gar nicht, Junge… Was ich angebaut habe, reicht gerade mal für mich und meine Familie…“

glühwürmchen3Dieser Dialog zwischen Seita und einem Reisbauern, der in einem üppig gedeihenden Reisfeld sitzt, kann als Sinnbild für das Verhalten (zu) vieler in unserer Überfluss-Gesellschaft angesehen werden. Was kümmert mich Euer Schicksal? Mir geht es gut und das soll auch so bleiben! Menschen, die politisch Verfolgte, Kriegsflüchtlinge, Asylsuchende mit den Worten „Raus aus meinem Land!“ begrüßen handeln nicht viel besser als dieser Reisbauer, der seine persönlichen Bedürfnisse über die der leidenden Bevölkerung stellt. Humanismus in den eigenen Reihen zu propagieren und zugleich Menschen aus Gebieten abweisen zu wollen, die tagtäglich von Krieg und Terror heimgesucht werden, zeugt nicht von Stärke und dem leidlich inflationär genutzten Schlagwort „Patriotismus“, sondern von Schwäche und eingeschränktem Horizont. Es sind die, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um wieder ein Stück Lebensqualität zu erlangen, die die wahre Stärke zeigen. Jenen, die ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder und Liebsten aufs Spiel setzen, ihr gewohntes (nicht mehr lebenswertes) Umfeld verlassen, um einen Neuanfang in einer „besseren“ Welt zu versuchen, gebührt Respekt und Unterstützung, nicht Hass und Abweisung.

Takahara zeigt mit „Die letzten Glühwürmchen“ eindrucksvoll eine der hässlichsten Facetten des Krieges und zugleich die grässliche Visage unserer Überflussgesellschaft, in der die eigenen persönlichen Ressentiments noch immer über das Wohlergehen der Armen und Schwachen gestellt werden. Wenn schon die Bilder aus den Krisengebieten dieser Erde Teile unserer Gesellschaft nicht zum Aufwachen bringen, weil vor solchen Bildern gerne die Augen verschlossen werden („Es passiert nicht hier, also passiert es auch nicht…“), kann vielleicht ein „Zeichentrick“-Film wie „Die letzten Glühwürmchen“ die Barriere brechen und den ein oder anderen dazu anregen, darüber nachzudenken, wer die wahren Opfer von Krieg und Terror sind. Sind es die Zivilisten, die ihr Zuhause, ihre Familie, ihre Freunde verlieren? Oder sind es wir, die in unserer konsumorientierten Ellenbogengesellschaft mit jedem Einwanderer, der unsere Grenzen übertritt, eine Gefährdung ihrer eigenen Freiheit sehen?

glühwürmchen4Wir sollten weniger die Reisbauern sein, die unsere Ernte lieber verderben lassen als sie zu teilen, wir sollten vielmehr die Reisbauern sein, die den Bedürftigen einen Teil unserer gedeihenden Reisfelder anbieten und sie mit offenen Armen empfangen. Denn wer mit offenen Armen empfangen und unterstützt wird, stellt selten die heraufbeschworene Gefahr dar. Es sind jene, die abgewiesen werden und mit Hass überhäuft werden, die mit Hass und Gegengewalt aufwarten.

Als ich „Die letzten Glühwürmchen“ vor 10 Jahren zum ersten Mal sah, war ich so blauäugig zu denken, dass dies alles Geschichte ist und weit, weit weg ist. Doch Setsuko und Seita sind auch heute noch überall auf diesem Erdenrund zu finden. Ihr Schicksal und das der vielen anderen sollte jedem von uns im Hinterkopf bleiben, wenn wir das nächste Mal den zu viel bestellten Cheeseburger bei McDonald’s dem Tod durch die Mülltonne zuführen.

„Die letzten Glühwürmchen“ ist ein wichtiger, ein geradliniger und ehrlicher Vertreter des Antikriegsfilmes, der schonungslos aufzeigt, wie nahe Hoffnung und Hoffnungslosigkeit beieinander liegen. Ein absolutes Muss für jeden, der mit der unverblümten Darstellung menschlicher Tragödien umgehen kann!

„Die letzten Glühwürmchen“ in der OnlineFilmDatenbank

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2 Gedanken zu „Die letzten Glühwürmchen (1988)

  1. Hey kruchtenkaiser.com,
    du wurdest vom Filmaffen nominiert für den Liebster Blog Award: http://wp.me/p5Axm7-2NB

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    • Sorry, darf „man“ auch noch gefühlte zig Jahre danach teilnehmen? 😉 Aufgrund diverser „widriger“ Umstände bin ich erst jetzt nochmal dazu gekommen, hier halbwegs „aktiv“ zu werden… Auf jeden Fall vielen lieben Dank für die Nominierung… 😀

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