Archiv für den Monat November 2017

Tarzan, der Herr des Urwalds (1932)

tarzantitelAls das „All-Story-Magazine“ im Oktober 1912 Edgar Rice Burroughs’ Geschichte „Tarzan bei den Affen“ („Tarzan of the Apes“) veröffentlichte, konnte wohl noch niemand erahnen, welcher Boom um den Affenmenschen entstehen sollte. Und doch gab es bereits erste Anzeichen dafür, dass der Dschungelheld der Familie Burroughs den erhofften finanziellen Erfolg bescheren sollte: Begierig verschlang die Leserschaft die Geschichten Burroughs’ und so sollte es auch nicht lange dauern bis das noch junge Hollywood die Möglichkeiten dieses Stoffes für sich entdeckte und an die Tür des Literaten klopfte, um schließlich 1918 den ersten „Tarzan“-Streifen (Elmo Lincoln in der Rolle des Titel-Helden) auf die noch stummen Leinwände zu bringen. Heute, fast 100 Jahre, nahezu 100 Verfilmungen und unzählige Print-Publikationen später, hat sich „Tarzan“ als eine der bekanntesten Figuren der Filmgeschichte etabliert.

Doch es sollten nicht die frühen, stummen Gehversuche des Affenmenschen sein, die dem Stoff seinen heutigen Kultstatus bescheren sollten: Erst mit MGMs „Tarzan the Ape Man“, dem ersten Auftritt Johnny Weissmüllers und dem ersten Erklingen des legendären Dschungelschreis wurde 1932 das bereits begonnene Fundament für Tarzans Erfolg fertig gegossen.

„Meinen Dschungelschrei lernte ich von meinen Vorfahren. Die gingen an den Wochenenden immer ins Gebirge, in the mountains – jodeling.“

Dass seine österreichisch-ungarischen Wurzeln ihm eines Tages sein ganz besonderes Markenzeichen bescherentarzan1 sollten, hätte Weissmüller wohl vor allen Dingen zu Zeiten seiner Schwimmer-Karriere (u.a. 5 olympische Goldmedaillen) nie erwartet. Der Dschungelschrei ist das, was die meisten mit der Filmfigur „Tarzan“ verbinden, noch ehe der Name Weissmüller überhaupt einmal fällt, und genau dieser Dschungelschrei passt auch perfekt in das Bild, das man heute wie damals vom Affenmenschen hat: er symbolisiert die Stärke eines fernab von jeglicher Zivilisation befindlichen Wesens, eines Wesens, dessen humane Wurzeln offensichtlich sind und bei dem doch die animalischen Züge scheinbar überwiegen und eine sonderbare Faszination ausüben.

Eine Faszination, der sich auch die junge Jane Parker (Maureen O’Sullivan) nicht entziehen kann. Sie ist gemeinsam mit ihrem Vater auf der Suche nach einem Elefantenfriedhof, als sie plötzlich von Tarzan „entführt“ und in seine Behausung gebracht wird. Aus anfänglicher Furcht vor dem fremden Wesen entwickelt sich eine freundschaftliche, liebevolle Zuneigung und Jane muss sich entscheiden, ob sie mit ihrem Vater und seinen Begleitern den Weg zurück in die Zivilisation beschreitet oder einem Leben im Dschungel entgegen blicken möchte…

„Me Tarzan, you Jane!“

Bei diesen ersten Worten Tarzans kann man bereits die ersten zarten Bande erkennen, die sich zwischen ihm und seiner angebeteten Jane entwickeln, und wer kann ihm auch verdenken, dass er sich in die junge Abenteurer-Tochter verliebt? Die hübsche Irin Maureen O’Sullivan erscheint als perfekte Besetzung der Jane und bot den männlichen Zuschauern der 30er Jahre für damalige Maßstäbe anrüchig viel nackte Haut, ein Umstand, der noch zusätzliche Zuschauer in die Lichtspielhäuser locken sollte.

VIENNALE-ARCHIVDas Anrüchige und der doch recht naive Plot bewogen schließlich seinerzeit auch die Kritiker dazu, „Tarzan the Ape Man“ als unbedeutendes, allenfalls mittelmäßiges Schaffenswerk abszustempeln. Und wenn man sich die Mühe macht, den Film auf eine gehalt- und anspruchsvolle Botschaft hin abzuklopfen, wie es damals die großen Rezensenten auch taten, könnte man recht schnell zum gleichen Urteil wie die damaligen Kritiker kommen. Doch wollte die „Tarzan“-Reihe überhaupt jemals anspruchsvolle Kost bieten? Betrachtet man „Tarzan, der Affenmensch“ frei von jeglichem Anspruch, eine Botschaft extrahieren zu wollen, erkennt man auch, was dieser Film sein wollte und letztendlich auch ist: „Popcorn-Kino“ in seiner Ur-Form, ein Film, der seinem Publikum die Möglichkeit bot (und weiterhin bietet), für 90 Minuten die „Flucht“ aus dem Alltag hinein in fremde Welten anzutreten.

Wenn Tarzan mit Tigern und Löwen ringt oder er dem gemeinsamen Badespaß mit Jane frönt, kann sich der heutige Zuschauer ebenso fesseln und unterhalten lassen wie der Zuschauer im Jahre 1932. Man kann zwar nicht abstreiten, dass einer der größten Kritikpunkte an „Tarzan, der Affenmensch“ (die stumme Opfer-Rolle der afrikanischen Schauspieler) vor allen Dingen dem heutigen Betrachter sauer aufstoßen kann, aber gerade bei einem solch anspruchslosen Film sollte man so etwas nicht allzu stark ins Gewicht fallen lassen. Das, was sich dem Zuschauer dann bietet, wenn er sich vollends auf die abenteuerliche Geschichte einlässt, ist zwar bei weitem kein Meilenstein der Filmgeschichte, aber immerhin wundervolle Unterhaltung… und mehr wollte „Tarzan, der Affenmensch“ auch nie sein…

Getaggt mit , , , , , ,

Die Kunst des negativen Denkens (2006)

kunsttitelFriede, Freude, Eierkuchen trifft auf Krieg, Hass, Marihuana

Dass die Skandinavier ein Händchen für schwarzhumorige Filme haben, wissen wir spätestens seit den mittlerweile als „kleine Klassiker“ bekannten Idioten, Dänische Delikatessen oder Adams Äpfel. Die norwegische Produktion Die Kunst des negativen Denkens reiht sich in diese Riege ein, ohne jedoch gänzlich an die Qualität der zuvor genannten heran zu reichen.

Der 33jährige Geirr (Fridjov Saheim) ist seit einem Unfall querschnittsgelähmt und ertränkt sich in Selbstmitleid, Depressionen und Groll. Zur Musik von Johnny Cash und Kriegsfilmen fristet er kiffend und saufend sein von der Außenwelt abgeschottetes Dasein. Da seine Frau Ingvild (Kirsti Eline Torhaug) verzweifelt einen Ausweg aus dieser Situation sucht, lädt sie eine Selbsthilfegruppe unter der Leitung der Therapeutin Tori (Kjersti Holmen) zu sich nach Hause ein, um ihrem Ehemann die Kunst beibringen zu lassen, seine Situation positiv zu sehen. Doch alle Beteiligten haben nicht den Plan mit Geirr gemacht, der die Kunst des negativen Denkens verficht. So entwickelt sich das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Behinderten und der körperlich und (vermeintlich) geistig nicht Beeinträchtigten anders als erwartet…

Bård Breiens Debut auf dem Regiestuhl erweist sich aufgrund der Einschränkung auf ein kleines Set als minimalistisches Kammerspiel, das nicht durch große Bilder, sondern vielmehr durch große Charaktere punkten will und dies auch größtenteils kann. Alle Teilnehmer des illustren Kaffeekränzchens haben ihre besonderen kunst2Macken, die liebevoll ausgearbeitet wurden und von allen Darstellern herrlich auf den Punkt gebracht werden. Sei es die alternde Diva Lillemor (Kari Simonsen), die offenkundig eher ein psychisches denn ein physisches Problem hat, der Schlaganfall-Patient Asbjorn (Per Schaaning), der zunächst nur grunzend im Rollstuhl sitzt um später „zur Höchstform“ aufzulaufen oder die ewig lächelnde und durchweg positiv eingestellte, halsabwärts Gelähmte Marte (Marian Saastad Ottesen), die gemeinsam mit ihrem Ehemann die „Think-Positive“-Attitüde der Therapeutin Tori gänzlich verinnerlicht hat, obwohl sie an sich die scheinbar hilfloseste aller Gruppenmitglieder ist. Sie alle sorgen für einige Höhepunkte in Die Kunst des negativen Denkens. Herausstechend sind die Leistungen Fridjov Saheims in seiner Rolle des griesgrämigen Geirr als Dreh- und Angelpunkt der Handlung und erst Recht Kirsti Eline Torhaugs, die – vor allen Dingen aufgrund des teilweise schon recht nahe ans Over-Acting grenzenden Agierens der Therapiegruppe – in ihrer Rolle als besorgte, innerlich zerrissene Ehefrau am glaubwürdigsten wirkt.

 Regisseur Breien treibt die Entwicklung der Therapiegruppe zügig, aber dennoch mit einer beeindruckenden Ruhe voran. Die Entwicklung der einzelnen Charaktere von hilflosen, zum positiven Denken gezwungenen Objekten hin zu Individuen mit einer eigenen Meinung ist in Teilen zwar vorhersehbar, aber dennoch durchaus amüsant. Beachtlich ist, dass die vermeintlichen Probleme der Behinderten hier im Rahmen einer ausgiebigen Orgie mit Alkohol, Drogen, Musik und (beinahe) Sex schon fast lapidar erscheinen im Vergleich zu den seelischen und moralischen Probleme von Therapeutin und „gesunden“ Ehepartnern.
Kunst1
Ohne rosarote Brille werden hier alltägliche Probleme von geistig und körperlich Behinderten angesprochen, diese sogar teilweise sarkastisch und knallhart dargestellt. Ein kleiner filmischer Schlag gegen die stetig aufkeimende „Think Positive“-Bewegung und ein Leuchtfeuer für eben jene
Kunst des negativen Denkens
. Für „Gutmenschen“ sicherlich nicht leicht verdaubare Kost, für Menschen mit einer gesunden Portion schwarzen Humors und dem Gespür für die Botschaften, die uns Bård Breien mit seinem Regiedebüt vermitteln wollte, eine ganz klare Empfehlung…

Du kannst Deine Probleme nur bewältigen, wenn Du die Kunst des negativen Denkens verinnerlicht hast

Getaggt mit , , , , , , , ,

Kikujiros Sommer (1999)

kikujirotitelWenn der trübe Winter Einzug hält, kommt die Zeit für die ruhigen Filme, die die Kälte, die draußen herrscht, durch erzählerische Wärme vertreiben können. Wenngleich „Kikujiros Sommer“ im sommerlichen Japan spielt, übermittelt er seine Wärme nicht durch sonnenüberflutete Bilder, sondern durch menschliche Wärme, die gleich einem wohligen Kaminfeuer den ganzen Raum ergreift.

Da sein Vater tot ist und seine Mutter in einer weit entfernten Stadt arbeitet, lebt der achtjährige Masao bei seiner Großmutter. Als er zu Beginn der Sommerferien merkt, dass alle seine Freunde verreist sind, fasst Masao den Entschluss, sich auf den Weg zu machen, seine Mutter zu besuchen. Eine Bekannte der Familie schickt ihren Ehemann Kikujiro (Takeshi Kitano) mit auf die Reise, damit der Junge sicher an seinem Ziel ankommt. Das ungleiche Paar aus ungehobeltem Ekel und kleinem Jungen macht sich auf eine Reise, auf der sie einigen seltsamen Gestalten begegnen und mit zunehmender Dauer entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden…

Auch wenn Takeshi Kitano eher für seine Yakuza-Filme bekannt und geliebt ist, ist „Kikujiros Sommer“ in seiner ruhigen, gesetzten, herzergreifenden Erzählweise wohl zu seinen besten Filmen zu zählen. In wundervollen Bildern erzählt er hier eine Road-Movie-Story, die dramatische und komische Elemente gekonnt miteinander vereint. Lange, ruhige Kamera-Einstellungen, eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen, gekonnt gesetzte Schnitte kikujiro4erzeugen hier ein ganz besonderes Seh-Erlebnis, das die ruhige Grundstimmung des Filmes enorm verstärkt. Das Ganze wird durch einen der besten Soundtracks, der mir je zu Ohren gekommen ist, verstärkt. Joe Hiasashi hat für „Kikujiros Sommer“ einen wundervoll verträumten, ruhigen Score komponiert, dessen bestimmende Piano-Linie vom Ohr direkt ins Herz geht und dort lange Zeit verweilt. Ein Klang-Erlebnis, das auch ohne die tollen Bilder Wärme verströmt und zum Träumen einlädt.

kikujiro3

Inmitten dieser feinfühligen Inszenierung leben die erstklassig agierenden Darsteller in ihren Charakteren so richtig auf. Kitano spielt zwar hier sicherlich nicht die Rolle seines Lebens, jedoch vermag er es, die Entwicklung Kikujiros vom eher kauzigen und unzufriedenen Verlierer hin zum fürsorglichen und herzlichen Begleiter Masaos glaubwürdig und sympathisch darzustellen. Yusuke Sekiguchi punktet in seiner Rolle des achtjährigen Masao nicht nur durch Niedlichkeits-Bonus-Punkte, sondern überzeugt mit seiner unbekümmerten Art, die er mit zunehmender Dauer der Reise an den Tag legen darf, wohl auch den extremsten Misanthropen. Die teils skurrilen Nebencharaktere, denen Kikujiro und Masao auf ihrer Reise begegnen und die tollen Spiele, die Kikujiro zur Freude von Masao gemeinsam mit ihren Zufallsbekanntschaften inszeniert, tragen dazu bei, dass „Kikujiros Sommer“ trotz der ruhigen Erzählweise und des dramaturgisch nur durch wenige Spitzen gesegneten Drehbuchs nie langweilig wird.kikujiro2

Takeshi Kitanos „Kikujiros Sommer“ kann man eine Vielzahl an Attributen zuschreiben: warmherzig, ruhig, bezaubernd, melancholisch, herzergreifend, sympathisch, menschlich, kindlich-verspielt, verträumt, unbekümmert, traurig, komisch, wunderschön… Sie alle sind zu einhundert Prozent zutreffend. Oder um es mit anderen Attributen zu sagen: „Kikujiros Sommer“ ist rundum sehens-, hörens-, erlebenswert!

Getaggt mit , , , ,
%d Bloggern gefällt das: